Mal stürmisch und wild, dann wieder sanft und glatt. Das Wattenmeer ist ein Lebensraum der Extreme. Durch Ebbe und Flut verändern Sand und Schlick ihre Gestalt. Doch auch spektakuläre Wanderdünen, dunkle Moore, Holzbohlen, Auerhahn und wilde Hasen, satte Farben, Schafe, Strandkörbe, Möwen die sich kreischend treiben lassen, knuffige und pummelige Robben, Fahrradtouren mit viel Wind, farbige Steilufer und feinste Sandstrände, hohe Nordseewellen, Schiffe, die kommen und gehen und die quirlige Atmosphäre am Hafen von List... So vielfältig und reizvoll präsentiert sich die Natur auf Sylt.
Ich war von der Krankheit erschöpft und brauchte Ruhe. Ich entschloss mich für drei Wochen wegzufahren um meinem Körper die Möglichkeit zu geben sich zu erholen. Diese Auszeit war eine gute Erfahrung für mich. Auch, um bewusst zu werden, dass ich nach der Begegnung mit gewissen Menschen, der Sorte Frauen «sportgestählten und operiertem Körper» weiss, was ich niemals sein möchte. Frauen mit Designer-Sportoutfits, perfekt gestyltem Haar und massenhaft Zeit für unnütze Dinge. Dies sind Frauen, auf deren Taschen echte Designer-Label prangen und deren 20 Jahre älteren Ehemänner beiläufig Umschläge mit fetten Bonuszahlungen auf glänzende Tische werfen. Diese Frauen fahren riesige SUVs, die niemals schmutzig werden, verlangen Cappuccinos von gestressten Baristas und schnalzen missbilligend mit der Zunge, wenn sie nicht genau nach deren Wünschen zubereitet werden. Sie liegen nicht bis vier Uhr morgens wach und machen sich Sorgen wegen der Stromrechnung oder fühlen sich unbehaglich, wenn sie denken, den Ansprüchen des Lebens nicht gerecht zu werden. Doch, diese finanziell reichen Leute sind auch keinen Deut glücklicher. Nicht wahr? Wenn ich nur schon an einen anderen Gast denke, mit all seinen Autos und seiner 25m-Jacht und dennoch ist er auf der Suche… Für mich war die Fahrt im froschgrünen Lamborghini jedenfalls eine einmalige Erfahrung.
Ich habe viel über mich und meinen Körper gelernt. Ich bin mir erneut bewusst geworden, dass ich meine Familie, meine Freunde, meine Arbeit, Zeit für mich und die Natur haben muss, um glücklich zu sein. Dies zu spüren war sehr schön und hilfreich. Geerdet sein. In der Erde buddeln, schmutzig und barfuss im Garten Zeit verbringen, backen, lachen, inspirierende Gespräche führen und warme Umarmungen von lieben, mir wichtigen Menschen. Meinen ❤️Menschen. Das ist mir wichtig. Egal was passiert in meinem Leben, solange ich diese Dinge habe, wird es mir gut gehen und ich kann mich wieder aufrappeln.
Die Therapeuten hier waren unglaublich. Fabio, Sebastian, Sabine, Sven, Simona, Estha, Tobi, Michael, Simon, Valerie, Gina und Claudia. Alle zusammen. Jeder auf seine Weise. Fabio erbarmungslos gegen alle Verhärtungen. Sebastian ganz ein feinfühliger. Simona immer lustig und mit fragendem Blick, weil die Sprache manchmal zu Verwirrung führte oder Tobi der meinte, ich solle meine Weiblichkeit mehr leben, was an unserem Tisch beim Abendessen für haltloses Gelächter sorgte. Markus hat sich sehr über Tobis Aussage enerviert.
Sebastian und Gina haben für mich sogar extra ein Trainingsprogramm zusammengestellt, gezeichnet und beschrieben. Unglaublich! Sven mit seiner, puohhh Hammer-Lomi Lomi-Massage, Claudia die mich in den Arm nahm, als ich bei ihr die Panikattacke, wegen der Re-Traumatisierung durch Marcs Tod, hatte. Alle haben sich mit viel Liebe gekümmert. Die Restaurant-Truppe hat mir mehr zu Essen gegeben, wenn ich es brauchte (genutzt hat es trotzdem nichts, ich kam mit einigen Kilos weniger zuhause an, obwohl es hätten mehr sein müssen) und, sie waren immer für einen Schwatz und gute Tipps zu haben, wurden nicht müde den Erzählungen von meinen Ausflügen zu lauschen und sich die Fotos anzuschauen.
Ja, sich einfach mal den Wind um die Nase wehen lassen, die frische Brise tief einatmen und in die – jedenfalls in Gedanken – Nordsee eintauchen. Die berauschenden Ausblicke rauben einem die Sprache. Doch wer hat das Meer geklaut? Hosenbeine hochkrempeln, raus aus den Socken oder halt, doch besser bei diesen Temperaturen mit den Gummistiefeln – schmatz – da stecke ich schon drin im matschigen Watt. Später doch noch barfuss. Herrlich. Es ist unvorstellbar wie dicht dieser Lebensraum unter meinen Füssen besiedelt ist! Die Gezeiten prägen das Watt, fluten es alle sechs Stunden und legen es wieder trocken, nur ein bisschen Wasser glitzert noch auf dem Netz von Prielen durchzogenen Schlick und die Robben ruhen sich dann auf den Sandbänken aus.
Es ist wunderschön.
Und weil der Blick auf das Meer die Kulisse meines Kummers wurde, begann diese Aussicht mir noch mehr zu gefallen. Hier führte ich meine Melancholie und Erschöpfung spazieren und gerade deshalb erschien mir dieser Strand so ungeheuer lebendig. Meine Suche öffnete mir die Augen, lenkte meine Aufmerksamkeit auf die kleinsten Details: die Schönheit der angespülten Hölzer, das goldene Licht auf den Sandhügeln, die krabbelnden Tiere oder zwischendurch auf einen weiteren Strandbesucher, versteckt unter der Kapuze einer farbigen Windjacke, die sich im Wind aufblähte. Ich watete im Treibsand der Sehnsucht, liess den wieder aufgebrochenen Schmerz zu und der Strand nahm daran Anteil und beschütze mich.